Stress beim Hund – ungesund oder halb so schlimm?

Stress beim Hund – ungesund oder halb so schlimm?

Stress spielt im Hundetraining eine immer größere Rolle. Doch wie ungesund oder nützlich ist Stress wirklich?

„Stress meint einen Zustand des Organismus, der durch ein spezifisches Syndrom (Blutdrucksteigerung) gekennzeichnet ist, jedoch durch verschiedenartige unspezifische Reize  (Verletzungen, Ärger, Leistungsdruck) ausgelöst werden kann“.

In unserer schnelllebigen Zeit ist dieses Thema allgegenwärtig, doch jetzt aktuell durch Covid 19 bedingt ist der Stress noch extremer. Viele Menschen bangen um ihre Existenz, sei es Angestellter oder Selbstständiger, und das führt alleine schon dazu, dass unser Stresslevel meist dauerhaft hoch ist. Natürlich spielen hier auch noch weitere Auslöser eine Rolle – unfreundliche und aggressive Menschen, das Gefühl nicht mehr Entscheiden zu können, usw. Und oft überträgt sich unser Stressniveau auch auf unsere Hunde.

Stress ist eine Funktion des Körpers, um diesen an Situationen anzupassen. Es vergirgt sich ein vielschichtiges System dahinter. In erster Linie stellt es aber Energie bereit und sorgt dafür, dass das Verhalten dementsprechend angepasst werden kann. Das ist grundsätzlich auch gar nichts Schlechtes.

Man unterscheidet zwischen:
– positivem Stress (Fressen, Spielen, Freude) und
– negativem Stress (Überlastung, Überforderung, Unterforderung, Druck ausüben).

Eustress (positiver Stress):

Positiver Stress kann durch ein Hineinsteigern (z. B. durch wildes Spiel) in negativen Stress und Aggression umgewandelt werden!

Optimale Reaktionsbereitschaft und körperliches Leistungsvermögen durch geistige Energieversorgung des Körpers.

positiver Stress

Körperliche Anstrengung

Bei körperlicher Anstrengung bewirkt es das Bereitstellen von Energie. Der Sympathikus wird aktiv und sorgt für Leistungssteigerung. Die Durchblutung wird erhöht und der Stoffwechsel steigtert sich. Die Lungenfunktion wird beeinflusst und die Pupillen erweitern sich. Hierfür wird unter anderem Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Diese Art von Stress beginnt auch schon, wenn die Anstrengung bereits erwartet wird. Damit der Herz-Kreislauf gesteigert wird, hemmt der Körper in dieser Zeit andere Vorgänge (Verdauung, Durchblutung der Nieren).

Dieser Prozess ist für den Hund grundsätzlich nicht schädlich oder ungesund. Körperliche Herausforderungen sorgen für das Trainieren des Herz-Kreislauf-Systems und stimulieren das Gehirn.

Distress (negativer Stress):

Krankhafte Veränderung durch langanhaltenden und starken Stress, wie z. B. Herzprobleme, Schwächung des Immunsystems, Darmkrankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Distress führt zu einer erhöhten Aggressionsbereitschaft, die Reizschwelle des Hundes wird herabgesetzt!

Psychischer Stress entsteht dadurch, dass die Anforderungen an das Individuum größer sind, als die Möglichkeiten diese Anforderungen zu bewältigen!

Die genetische Disposition und Rassedisposition können Auswirkungen auf die Veranlagung zur Verarbeitung von Stress haben. Auch viele Windhundrassen verarbeiten Reize mit vermehrter Hormonausschüttung.


Regeneration ist wichtig

Folgt keine oder eine zu kurze Regenerationszeit, geschieht deutlich mehr im Körper. Das, was wir als “Stress” und “ungesund” deklarieren tritt ein. Jetzt wird nicht nur der Sympathikus und das Herz-Kreislaufsystem aktiviert sonder das System sprich auch die Nebennieren an und schüttet so einen Hormoncocktail aus. Vorallem das “Stresshormon” Cortiso. Das Immunsystem wird aktiviert und der Körper bereitet sich auf die “Kampf- oder Fluchtreaktion” vor.

Diese Aktivierung kostet einen hohen Preis und braucht lange Regenerationsphasen. Doch der Versuch, stressige Situationen nur zu vermeiden hilft auch nicht weiter, denn dies führt oft zur Unterforderung – natürlich mit dem gleichen Ergebnis.

Das Gehirn der Hunde sucht ständig nach Veränderungen im Umfeld, nach Gefahren, Ressourchen sowie auch Verboten. Alle Reize die wahrgenommen werden, werden selektiert und bewertet. Entscheidet das Gehrin, dass es sich um einen angenehmen Reiz handelt, hat es eine passende Strategie zur Bewältigung dieser Situation, hier wird das Stresssystem nicht aktiviert.


Wenn die Strategie fehlt …

Stellt das Gehirn aber fest, dass keine passende Strategie vorhanden ist, werden oft unangenehme Empfindungen ausgelöst. Bei unbekannten und neuen Reizen hat das Gehirn keine Strategie und beim Auftreten von Konflikten findet es nicht sofort eine Lösung. Hier wird das Stresssystem aktiviert.

Zu den unangenehmen Empfindungen gehören neben den Emotionen Aggression und Angst auch die Frustration und Langeweile.


Woran erkenne ich Stress?

Die Aktivierung des Stresssystems zu erkennen ist nicht immer leicht. Es gibt Hunde, die hyperaktiv, unruhig und hibbelig werden, genauso wie es Hunde gibt, die sich zurückziehen und inaktiv werden.

Ein erregter Hund ist nicht zwangsläufig gestresst. Umgekehrt darf ein ruhiger Hund nicht mit einem entspannten Hund verwechselt werden.

Es gilt die Warnzeichen von Über- oder Unterforderung und von psychischen Belastungen rechtzeitig zu erkennen. Wie so oft ist es nicht die eine Situation, die uns Klarheit gibt sondern das Beobachten, Wahrnehmen und Interpretieren der Körpersprache unserer Hunde.

Häufig versuchen Hund sich selber irgendwie zu entspannen. Einige fangen sich an zu putzen, knabbern irgendetwas an, buddeln, wälzen oder dehnen sich. Andere beschäftigen sich auch, dass sie zum Beispiel Jagen gehen. Gutes Beobachten und auch ein Tagebuch führen helfen für die Interpretation.

Die vier verschiedenen Stressphasen nach Hans Selye:

1. Schockphase:

Körper erkennt die Stresssituation und bereitet sich vor zu handeln. In Bruchteilen von Sekunden werden Energiereserven mobilisiert, der Kreislauf und Stoffwechselfunktionen reduziert.

2. Alarmreaktionsphase

Alle Reserven werden aktiviert und Kräfte bereitgestellt. Es kommt zu der Entscheidung:  Flucht oder Kampf.

3. Widerstandsphase:

Besteht die Situation weiter fort, folgt die Widerstandsphase. Die Toleranz gegenüber dem auslösenden Reiz steigt. Gleichzeitig ist die Toleranz anderen Reizen oft erniedrigt, d. h. es treten zusätzliche Stressreize auf. Die Reizschwelle gegenüber weiteren Stressoren ist erniedrigt.

Wird die Situation bewältigt, werden die ausgeschütteten Stresshormone wieder abgebaut und es kommt zur Erholungsphase. Passiert das nicht, kommt es zur Erschöpfungsphase.

4. Erschöpfungsphase:

Der Körper ist jetzt nicht mehr in der Lage, die Einwirkungen zu kompensieren und wird dauerhaft in die Alarmreaktionsphase versetzt. Die anhaltende Hochspannung kann zu organischen Krankheiten führen!

  • Ein dauerhaft erhöhter Hormonspiegel hemmt das Immunsystem und es kommt häufiger zu Infektionskrankheiten.
  • Die andauernde Kreislaufaktivierung hat Folgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankung und Magen-Darm-Erkrankungen.
  • Ein erhöhter Testosteronspiegel kann ein verstärktes Aggressionsverhalten auslösen

Zusammenfassung

Einteilung der stressauslösenden Faktoren (Stressoren):

  • Äußere Stressoren werden durch die Sinnesorgane wahrgenommen und können zur Reizüberflutung führen
  • Nichterfüllung von primären Bedürfnissen durch Durst, Hunger, Harndrang verursachter Stress
  • Leistungsstressoren wie Erwartungsdruck vorm Unterricht, Erwartungshaltung des Herrchens
  • Soziale Stressoren  wie Ausgrenzung aus Lebensbereichen; Mensch zeigt spürbar, dass er mit seinem Hund unzufrieden ist
  • Psychische Stressoren wie ständige Konflikte im Haushalt/Partnerschaft oder Angst
  • Innere Stressoren wie Krankheiten, Behinderungen, Schmerzen beim Hund

Unser Lesetipp für dich:
Geheimnisse in der Hundeerziehung

Krankheiten als Stressfaktor:

  • Beeinträchtigung der allg. Leistungsfähigkeit
  • Erkrankungen der Sinnesorgane behindern die Wahrnehmung und schränken die Kommunikation ein
  • Stoffwechselerkrankungen verstärken die Stressanfälligkeit (Fehlfunktion der Schilddrüse)

Stressauslösende Faktoren:

Akute oder chron. Schmerzen, Besitzerwechsel, Umzug, Angst, Jagen, Spiel mit Menschen, Ärger/Wut, Kinder, Läufigkeit, Mehrhundehaltung, Geräusche, Streit, Tierarztbesuche, Autofahren, Falsche Trainingsmethoden, Unterforderung = Langeweile, Zu hohe menschliche Erwartungen, Erschöpfungszustände, Zu wenig/viel Körperkontakt, Zu wenig/viel Regeln, Isolation, Resignation

Was löst noch Stress beim Hund aus:

  • unzureichende Ruhephasen
  • Überforderung durch zu viele Rennspiele, Stöckchen werfen, Frisbee, Agility u. ä. (hohe Adrenalinausschüttung)
  • Bedrohung durch Artgenossen oder ständige Auseinandersetzungen mit anderen Hunden
  • Inkonsequente, launische Hundehalter (Hund muss Menschen einschätzen können, damit er immer weiß woran er ist)
  • Angst vor Strafe
  • Überforderung in unkontrollierten Welpenspielgruppen
  • Positive Emotionen können Stress auslösen (ausgedehnte Begrüßungsrituale können Ursache für einen hektischen Hund sein)
  • Einsamkeit und/oder Verlassenheitsängste
  • Ängste und Phobien (mangelnde Sozialisation im Welpenalter)
  • Bei einer Anhäufung von Stresssituationen wo der Hund am Ende bis oben hin gestresst ist, braucht es ca. eine Woche bis der Stresspegel wieder gesunken ist.  Bei extremen Fällen kann es sogar bis zu einem Jahr dauern.

Stresssymptome

Kratzen Haarausfall Appetitlosigkeit Erbrechen Durchfall Aufreiten Zittern Schütteln Anspringen Selbstverletzung Hyperaktivität Nervosität Übersprunghandlungen Mangelnde Impulskontrolle Hypersexualität Wundlecken Allergien Bellen Beschwichtigungssignale zeigen Hecheln Koten/Urinieren Übermäßige Körperpflege Lautäußerungen In die Leine beißen Schlechte Konzentration Passivität

Anti-Stress-Programm

  • Langfristiges Training
  • Arbeiten mit Distanzkontrolle gegenüber den Stress auslösenden Faktoren
  • Ruhepausen
  • Aktivität reduzieren oder ändern
  • Anzeichen von Überforderung beachten (Nase lecken, kratzen, gähnen, strecken, …)
  • Rituale einführen, sie geben dem Hund Sicherheit
  • Ruhe bewahren und Gelassenheit ausstrahlen
  • Nicht an den Symptomen, sondern an den Ursachen arbeiten!

Wird nur ein Symptom ausgelöscht, wird die Ursache weiterhin beibehalten. Sie wird anderweitig oder in verstärkter Form auftreten, oft im Jagdverhalten und/oder in aggressiver Form.

Könnt ihr solche Symptome bei eurem Hund verstärkt beobachten?

Stress auf Dauer macht krankt. Lasst euren Hund medizinisch durchchecken und holt euch professionelle Hilfe, damit dein Hund noch lange gesund an deiner Seite bleibt.

Sorgt für für euch selber und euren Hund und bleibt gesund!

Vielen Dank, dass du meinen Artikel bis zum Schluss gelesen hast.
Ich freue mich sehr auf jegliches Feedback, über deine Meinungen und Gedanken und freue mich wenn du den Artikel weiter teilst.

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Über die Autorin
Saskia Katharina Siebel

Ich bin leidenschaftliche Hunde- und Menschentrainerin und eine absolute Herzensangelegenheit ist die Tierfotografie.

Seit einigen Jahren schreibe ich regelmäßig Blogartikel (die es manchmal auch in sich haben) und trotzdem ist das Feedback von euch darauf großartig. Viele von euch nehmen sich meine Worte zu Herzen und viele von euch fangen an sich und ihr Verhalten zu reflektieren. Somit hab ich mein Ziel erreicht 🙂

Ich wünsche mir ein friedvolles, faires und stressfreies Miteinander für jedes Mensch-Hund-Team. Dazu gehört aber mehr als nur Gassigehen und dem Hund Signale beibringen.

Das Wichtigste ist:

Arbeite an dir und lasse dich auf deinen Hund ein. Lerne deinen Hund zu verstehen. Lerne deinen Hund zu lesen. Sei mit Verstand und Herz dabei!

Das Ergebnis wird dich staunen lassen!

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